Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer: Berlin für Kunstfreiheit

 

 

© David Becker

Bis vor kurzem schmückte das Gedicht „Avenidas“ des Schweizer Lyrikers Eugen Gomringer die Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin. Nun soll es entfernt werden. Der Grund: Sexismusvorwürfe.

Bereits seit dem Jahr 2011 prangt das Folgende Gedicht aus dem Jahr 1951 an der Fassade der deutschlandweit größten Hochschule für soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung:

Zu Deutsch: „Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer"

Patriarchale Kunsttradition und sexuelle Belästigung

Doch bereits im Jahr 2016 kam es von Seiten der Alice Salomon Hochschule zu harten Vorwürfen. Das Studierendenparlament (StuPa) und der Studierendenausschuss (AStA) bezeichneten das Gedicht als sexistisch. So hieß es von den Studierendenvertretern, das lyrische Werk von Eugen Gomringer spiegele die patriarchale Kunsttradition wieder und erinnere an sexuelle Belästigung.

Nun soll es bis Herbst dieses Jahres übermalt werden. Alle fünf Jahre dürfe ein neues Gedicht an der Fassade prangen. Doch Gomringer fühlt sich nach den Vorwürfen und der darauf folgenden Entscheidung der Hochschule in seiner künstlerischen Freiheit eingeschränkt. Seiner Aussage nach handelt es sich hier um Vorwürfe „einer falsch verstandenen Political Correctness“. Auch der Deutsche Kulturrat stimmt dem Schweizer Lyriker zu und kritisiert die Aussagen des StuPa und des AStA.

Berlin: Vorreiter in puncto Kunstfreiheit

Aber Berlin wäre nicht Berlin, wenn es mit einigen Zeitungsbeiträgen und privaten Diskussionen getan wäre: Seit Donnerstag, dem 22.02.18, ist das Gedicht auf einem etwa acht Meter großen Banner am Max Liebermann Haus zu lesen – direkt am Brandenburger Tor, dem wohl bedeutendsten Wahrzeichen Berlins. Initiator dessen ist die Stiftung Brandenburger Tor. Sie bezeichnet die Entfernung des Gedichtes als Zensur und möchte mit der Aktion zum Nachdenken und öffentlichen Diskutieren anregen. Andere Städte wie Bielefeld und Schaffhausen kündigten bereits an, mit ähnlichen Aktionen nachzuziehen. Bis Anfang April soll das Plakat noch hängen bleiben.

Geschrieben von Julia am So, 25.02.2018

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