Als Kartoffel unter Kiwis #1: Kulturschock

 

 

© Julia Staskowiak

Hat man die Möglichkeit, einige Zeit in fernen Ländern zu verbringen, gewinnt man oft Erfahrungen fürs Leben – positive wie auch negative. Alles ist anders, alles ist fremd. Ein Kulturschock bahnt sich an.

Ich hatte das Glück, neun Wochen in Neuseeland verbringen zu dürfen. Einmal ans andere Ende der Welt. Weiter weg geht nicht. Von Beginn an hatte mich das Land in seinen Bann gezogen. Menschen, Tiere, Landschaften, Essen und Trinken – all das war für mich so ungewöhnlich und doch vertraut. Nicht, weil ich vorher viel gelesen hatte, sondern weil ich mich zwischen all dem wohl fühlte. Die Willkommenskultur des Landes wird regelrecht mit dickem Herzchen über dem „i“ geschrieben. Deine Herkunft ist dort egal, und auch dein Sozialstatus ist nahezu bedeutungslos.

Die Bibliothek im eigenen Kopf

Neuseeland tut viel dafür, dass alle „Schichten“ der Gesellschaft Zugang zu Kunst, Kultur und Bildung haben. Fast überall finden sich kostenlose Bibliotheken. Hauptstraßen sind mit Büchertauschkästen versehen – ein neues Buch raus, ein altes Buch rein. Das eigene Bücherregal entsteht also mehr oder weniger im Kopf, die Sammlung ist dafür wahrscheinlich deutlich umfangreicher als hierzulande. In größeren Städten hat sich diese Idee sogar in sogenannte Büchercontainer verwandelt. Ein Hafencontainer ist dabei liebevoll eingerichtet wie ein winziges Wohnzimmer. Neben einem umfangreichen Bücherregal finden Sessel und Sitzsäcke Platz. Tatsächlich waren die Container immer gut besucht, ob Regen oder Sonnenschein.

Anfassen strengstens erwünscht!

Seit meiner Kindheit konnte ich den meisten Museen ehrlich gesagt nicht viel abgewinnen. Natürlich gibt es immer Ausnahmen, aber die halten sich in Grenzen. Museum in Deutschland steht meist für Texttexttext, ab und zu ein Bild, Texttexttext, historischer Gegenstand hinter Glasscheiben, Texttexttext. Dazu kommen teilweise unverschämte Eintrittspreise. Und bloß nichts anfassen!!!
Dabei geht es doch ganz anders, wie mir Neuseeland gezeigt hat. Die meisten Ausstellungen sind zunächst einmal kostenlos. Trotzdem ist von Langeweile oder dem deutschen „Texttexttext“ nichts zu finden. Alle Museen, die ich dort besuchte, erklärten komplizierte Sachverhalte durch interaktive Elemente. Diese waren aber keinesfalls den Kindern vorbehalten, auch Erwachsene hatten ihren Spaß. So wurde spielend leicht die Erdplattentektonik erläutert, während schon der Erdbebensimulator auf die Besucher wartete. Teilweise haben Kinder sogar ihren Geburtstag im Museum verbracht. Wenn das nicht für die Qualität neuseeländischer Museen spricht, weiß ich auch nicht.

Geldbeutel zu, Ohren auf

Auch viele Großveranstaltungen sind vor allem rund um die Großstädte der Nordinsel weit verbreitet. Ob Straßenmärkte, Food-Festivals oder Konzerte, einen Großteil dessen kostet keinen Eintritt. Allein in Auckland, der größten Stadt Neuseelands, finden im Sommer 24 kostenlose Konzerte mit mehr als 70 Künstlern statt. Von Jazz über Hip-Hop bis hin zu Blues, Pop oder Rock – das vielseitige Repertoire an Musikern kann sich im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen. Kostenlose Großveranstaltungen findet man in Deutschland eventuell mal an Feiertagen. Ansonsten kann man für die meisten Konzerte gut und gern mehr als 30 Euro ausgeben. Sogar Flohmärkte und Straßenfeste verlangen oft Eintrittspreise. Und auf dem abgesperrten Gelände trifft man noch immer auf Kosten, bei denen man am liebsten wieder umkehren möchte. Aber halt, man hat ja schließlich dafür bezahlt.

Bitterer Beigeschmack

Deshalb setzte der Kulturschock bei mir eigentlich erst nach meiner Reise ein. Deutschland schien mir plötzlich fremd. Ich fühlte mich kulturell alles andere als willkommen. Für nahezu alle Freizeitaktivitäten muss hierzulande bezahlt werden. Kunst und Kultur werden Menschen mit wenigen Geldressourcen verwehrt. Hat man erstmal gesehen, dass es auch anders geht, verleiht es unserer Kulturlandschaft einen bitteren Beigeschmack. Ein bisschen Neuseeland könnte unserer Kulturszene wirklich gut tun.

Geschrieben von Julia am Mo, 15.01.2018

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