Als Kartoffel unter Kiwis #3: We are the People

 

 

© Levi Guzman

Berlin. Überfüllte U-Bahn, jeder starrt auf sein Smartphone. Hauptsache, niemand kommt auf die Idee, jemanden anzusprechen. In Berlin lebt jeder für sich. In Neuseeland leben alle füreinander.

Mitte Dezember stand ich in einer Schlange des Düsseldorfer Flughafens. Nach 35 Stunden schier endloser, schlafloser Reise sollte ich von hier meinen letzten Flug nach Berlin antreten. Die Schlange wurde immer länger. Den Flughafenmitarbeitern stand der Stress ins Gesicht geschrieben. Fremde Menschen diskutierten lauthals miteinander.
„Ich hab’s eilig, ich muss mal vor.“ – „Tja, Pech, ich hab’s auch eilig. Stellen Sie sich hinten an. Frechheit.“
„Mein Flug geht schon in 20 Minuten.“ – „Meiner auch. Hätten Sie halt früher da sein müssen.“
„Oh, fliegen Sie etwa nach München?“ – „Ja, Sie auch? *nach vorn rufend* Hallo, wir müssten hier mal vor!!!“

Reg dich ab!

Immer wieder trat mein Hintermann mir in die Hacken, obwohl sich die Schlange keinen Millimeter bewegt hatte. Ein Paar in der Schlange neben mir begann sich zu streiten.
„Siehst du, ich hab dir doch gesagt, wir sollten früher losfahren.“ – „Wir haben noch 1 Stunde bis zum Boarding, reg dich ab.“
„Nein, ich reg mich jetzt nicht ab. Jede Entscheidung, die du triffst, endet im Desaster!“ – „Wie bitte?!“
Ihr Kind begann zu weinen.
Mit Blick auf die Uhr dachte ich an Zuhause. Doch selbst die Vorfreude im Bauch konnte nichts dagegen tun, was sich in meinem Kopf abspielte: Ich war genervt. Und das verwirrte mich.

Keep calm and go to NZ

Seit gut zwei Monaten war ich nicht mehr genervt gewesen. In Neuseeland ist alles so viel ruhiger. Die Menschen sind entspannt und freundlich. Bei nahezu jeder Gelegenheit ergreifen sie die Initiative und verwickeln dich in ein Gespräch. Wie geht’s dir? Was hast du heute so gemacht? Hast du noch was vor? Und ganz typisch: Brauchst du Hilfe? Anfangs war ich doch eher irritiert. Interessiert den Menschen, der neben mir am Gemüseregal steht wirklich, was ich hier mache? Und wieso wartet der Mann nicht, bis ich ihn frage, wo es zum Strand geht? Sehe ich so hilfsbedürftig aus? Aber diese deutschen Gewohnheiten lassen sich überraschend gut abschütteln. Ohne Zwang mit Fremden Smalltalk halten – wie kann man ein Land besser kennen lernen?

Neuseeland - Das Land der Akzente

Was die Gespräche besonders interessant werden ließ, waren die verschiedenen Akzente. Grund dafür: in Neuseeland leben fast 4,7 Millionen Menschen unterschiedlichster Herkunft. Dabei nehmen die „Kiwis“ (Bezeichnung für die Einwohner des Landes) europäischer Abstammung den größten Teil ein: fast sieben von zehn Einwohnern haben Vorfahren aus Großbritannien, Deutschland, Italien und zahlreichen anderen Ländern Europas. Der Prozentsatz an Kiwis, die sich den Ureinwohnern des Landes, also den Maori, zugehörig fühlen, liegt mit rund 15 % schon deutlich niedriger. Jeder Zehnte Einwohner des Landes findet seine Wurzeln in Asien, darunter vor allem in China und Indien. Zudem sind ¼ aller Einwohner nicht in Neuseeland geboren worden. Dass sich dabei unterschiedlichste Akzente der englischen Sprache ansammeln, versteht sich fast von selbst.

Heimat

Trotz der verschiedenen Ethnien habe ich in Neuseeland nicht einen einzigen Streit auf offener Straße erlebt. Die Einwohner legen sehr viel Wert auf Freundlichkeit. Haben sie einmal kein Lächeln auf dem Gesicht, entschuldigen sie sich tatsächlich dafür. Im Grunde könnte man sagen, jeder Neuseeländer ist wie eine liebevolle Mutter. Sie wollen den Mitmenschen ein positives Gefühl vermitteln, strahlen Ruhe aus und stecken selbst nach Möglichkeit zurück, um anderen eine Freude zu machen. Diese Herzlichkeit macht es jedem Besucher schnell möglich, sich heimisch zu fühlen. Vielleicht ist es deshalb für so viele verschiedene Herkunftsländer immer wieder verlockend, sich auf der Insel ein neues Leben aufzubauen.

Faktastisch: Neuseelands Schafe & Rinder

Wobei… eigentlich habe ich den größten Teil der neuseeländischen Bevölkerung fast vergessen. Die Tiere. Mit einer Anzahl von rund 30 Millionen Schafen kommen auf jeden (menschlichen) Einwohner des Landes mehr als 6 Schafe. Zum Vergleich: In Deutschland werden bei 82,5 Millionen Einwohnern derzeit lediglich 1,6 Millionen Schafe gehalten.
Nicht ganz so drastisch sieht es bei den Rindern aus: mittlerweile schwanken die Zahlen in Neuseeland zwischen 5 und 7 Millionen – damit gibt es aber immer noch mehr Rinder als Menschen auf den Inseln. In Deutschland wurden im letzten Jahr 12,4 Millionen Rinder gezählt.

Geschrieben von Julia am Mo, 29.01.2018

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