Architects in Berlin: Weltschmerz & Pyroshow

 

 

© TH

Berlin, 26/01/18. Seit über einem Jahr warten die Fans der britischen Metalcore-Band Architects darauf, die Jungs endlich wieder in der deutschen Hauptstadt begrüßen zu dürfen. Wer hätte erwartet, dass es vor allem eins wird: herzzerreißend.

Seit Wochen wuchs die Vorfreude auf diesen Tag. Zuletzt habe ich die Architects vor knapp drei Jahren gesehen. Ich war gerade frisch verliebt in das Genre des Metalcore, weshalb ich der Band bis heute einen ganz besonderen Platz in meinem Musikerherzen zuschreibe. Damals spielten sie noch im beschaulichen C-Club, diesmal sollte es eine ganze Nummer größer sein: auf zur benachbarten Columbiahalle.

Ärger mit der Bahn und freundliche Flaschensammler

Nahezu jeder kennt das folgende Problem. Man macht sich nichts ahnend auf den Weg zum Bahnhof. Und ausgerechnet heute, wo es mal wichtig wäre, pünktlich zu kommen, hat der Zug Verspätung. Aber halb so wild, die angegebenen 15 Minuten lassen sich ja locker verkraften. Schlussendlich kam ich dank der Deutschen Bahn allerdings eine Stunde verspätet an. Natürlich war die Schlange an Menschen dementsprechend lang. Obwohl Schlange auch zu viel gesagt wäre… eigentlich war es ein 500 Meter langer Kloß. Ein eifriger Pfandsammler sah das Entsetzen in meinen Augen und bot mir im Gegenzug zu meiner Pfandflasche eine durchaus hilfreiche Information: die Schlange sei ursprünglich für Rucksackträger eingerichtet worden. Nun ist sie einfach schon so lang, dass es sich nicht mehr zu den Neuankömmlingen durchsprach. Ich könne ohne Rucksack also getrost bis vorne durchgehen. Danke, netter Pfandflaschensammler, du hast mir den Abend gerettet!

Weggegangen, Platz gefangen

Im Club angekommen wurde es schnell voller und voller. Bald ging es weder vor noch zurück, und zur Seite schon gar nicht. Sofort suchte ich mir einen Platz, an dem ich mit meiner beschaulichen Körpergröße irgendwie Glück haben könnte, etwas von der Bühne zu sehen. Eigentlich kann man sich diesen Schritt sparen. Erfahrungsgemäß kommt kurz vor Beginn immer ein Riese und stellt sich vor uns Zwerge – egal, wie voll es ist. Hat sich auch diesmal wieder bestätigt. Einen Versuch war es wert. Da aber schon bei den Vorbands niemand an Ort und Stelle blieb – freiwillig oder nicht – war es im Grunde auch egal.

Part I: Counterparts geben Gas

Als erste Vorband des Abends heizten die Counterparts ordentlich ein. Ich persönlich kannte die Band lediglich vom Namen. Jubel und Applaus ließen jedoch darauf schließen, dass sie sich in Berlin bereits eine stattliche Fanbase aufgebaut hat. Da die Fülle an Menschen kaum seitliche Bewegung zuließ, führte uns der einzige Weg nach oben. Die springende Menge schien Counterparts unfassbar zu motivieren. Sänger Brendan Murphy wurde von Song zu Song energischer. Schlagzeuger Kyle Brownlee überzeugte mich vor allem durch sein minimalistisches Drumset, aus dem er jeden erdenklichen Ton rausholte. Während er das China-Becken in den Breakdowns durchzog, lieferten die Jungs an den Saiteninstrumenten eine Metal-Tanzeinlage nach der nächsten. Der Auftakt war gelungen.

Part II: Rhythmischer Bierregen bei While She Sleeps

Rund 30 Minuten nachdem Counterparts unter tosendem Beifall den Saal verlassen hatten, traten While She Sleeps auf die Bühne. Spätestens jetzt blieb kein Bein mehr stehen – beziehungsweise kein Bierbecher mehr in der Hand des Besitzers. Schon während der ersten Töne des Auftaktsongs „You Are We“ flogen die Becher im feinsten Bierregen rhythmisch von links nach rechts und wieder zurück. Dass dabei der Takt eingehalten wurde, ließ das Ganze umso schöner aussehen. Es war ein richtiger Wow-Effekt, der sich auch im Gesicht von Frontmann Lawrence Taylor widerspiegelte. Sofort rief er zum Circle-Pit auf und warf sich mit aller Kraft in den Refrain. Uns allen ging das Herz auf und es folgte ein gegenseitiges Aufputschen von Publikum und Band. Jeder einzelne schien Song um Song all sein Herzblut auszuschwitzen. Mit ihrem Klassiker „Four Walls“ gaben While She Sleeps sowohl Neulingen als auch alteingesessenen Fans nochmals Stoff zum Durchdrehen, bis das Set schließlich mit „Silence Speaks“ und „Hurricane“ ein lobenswertes Ende fand. Chapeau, meine Herren! Es hat wirklich Spaß gemacht.

Part III: Architects als grandioser Headliner

Counterparts und While She Sleeps hatten die Messlatte bereits unfassbar hochgesteckt. Kaum zu glauben, dass sich das Niveau mit den Architects nun nochmals steigern sollte. Das angesammelte Adrenalin ließ jeden in der Masse von Anfang an durchdrehen. Den Auftakt machte die Band mit „A Match Made In Heaven“ von ihrem aktuellen Album „All Our Gods Have Abandoned Us“. Bereits mit der ersten Sekunde ging ein leises Raunen durch die Menge. Die Stimme des Frontmanns Sam Carter war nahezu identisch mit den Studioaufnahmen. Mit vollster Kraft und Leidenschaft screamte er sich die Wut über Ignoranz und Verluste des Krieges aus der Seele. Mit „Downfall“ folgte ein weiterer Song aus dem aktuellen Album, bis sich mit „Naysayer“ aus dem Album „Lost Forever // Lost Together“ eine sehr gute Mischung der Setlist ankündigte. Die Menge riss die Arme in die Höhe und signalisierte die übertriebene Freude über die Songauswahl. Als dann auch noch Pyrotechnik den Refrain unterstützte, wurde dem Publikum im wahrsten Sinne des Wortes richtig eingeheizt.

Heiß, heißer, Columbiahalle

Doch nicht nur die Flammen erwärmten die Columbiahalle. Vor allem die Band-Performance und der unersättliche Einsatz des Publikums brachten die Luft förmlich zum Kochen. Aber ans Ausruhen war absolut nicht zu denken, denn mit „Alpha Omega“ bahnte sich ein weiterer Höhepunkt des Sets an. Carter hatte noch nicht einmal die erste Silbe des Titels über die Lippen gebracht, da war außer Jubelschreien und „Ar-chi-tects“-Rufen nichts mehr zu hören. Es war deutlich zu sehen, wie viel der Band ein solcher Moment bedeutete. Kein Wunder also, dass die zweite Hälfte des Sets mit mindestens genau so viel Energie in die Startlöcher ging.

Eine Hommage an Tom Searle

Zwischen Klassikern wie „Gravity“, „These Colours Don’t Run“ und „Gravedigger“ wird es jedoch urplötzlich ruhig und Schlagzeuger Dan Searle ergreift das Wort. Nahezu jedem im Saal wird bewusst, was nun folgen wird. Nach dem tragischen Verlust seines Bruders und jahrelangen Bandkollegen Tom Searle versucht Dan die richtigen Worte zu finden. Die Bandmitglieder blicken niedergeschlagen zu Boden. Die Trauer um Tom Searle war bereits deutlich spürbar, als die Architects die Bühne betraten. Nun war sie mit den Händen greifbar.

Respekt, Herzschmerz und Tränen in den Augen

Als ich mich so umsah, stellte ich fest, nicht die einzige zu sein, die mit den Tränen kämpfte. Viele Konzertbesucher schlossen die Augen oder blinzelten die Tränen weg. Was, wenn mein Bruder plötzlich nicht mehr wäre? Hastig versuchte ich den Gedanken aus meinem Kopf zu schütteln, aber der Schmerz blieb. Doch leider war nicht jeder Anwesende (ich vermeide hier bewusst das Wort Fan) der Meinung, Dan den nötigen Respekt zu zollen. Mehrfach nutzten Einzelne die Stille im Publikum, um sich mit sinnlosen Äußerungen kundzutun. Schließlich war es Sam Carter genug. Er griff zum Mikrofon und wies die Störenfriede zurecht. Urplötzlich, ohne Absprache oder Ansage, kniete sich das Publikum nieder, um der Band zu signalisieren: Auch wir vermissen Tom. Bleibt stark. Danke, dass ihr weiterhin für uns da seid.

„They say the good die young“

Mit den Worten, dass es sich beim folgenden Song lyrisch um den anspruchsvollsten seiner Karriere handle, leitete Sam „Doomsday“ ein. Die aktuelle Single stammt zum Großteil noch aus Toms Feder. Leider schaffte er er es vor seinem Tod nicht, den Song fertig zu schreiben. So stellte sich die Band ihrer bisher wahrscheinlich größten Herausforderung und vollendete das Meisterwerk. Der Schmerz in den Gesichtern der Bandmitglieder und in Carters Stimme war deutlich seh- und hörbar. Jeder im Publikum gab im Konfettiregen nochmals alles. Für Tom. Und die Band.

One more song!

Mit gleichermaßen glücklichen und melancholischen Zügen im Gesicht verließen die Jungs aus Brighton (England) schließlich die Bühne. Aber die Masse hatte noch nicht genug. Durch den gesamten Saal schallte es wiederholt „Ar-chi-tects“ und „one more song“. Wir wollten mehr. Und wir bekamen mehr. Während das Intro von „Memento Mori“ ertönte, enterte die Band erneut die Bühne. Zu unserer Überraschung war es allerdings „Nihilist“, mit dem die Architects ihre Zugabe starteten. Obwohl die Band mit dem Song ein ordentlich Tempo vorgab, schien sich die Erinnerung an Tom nun in jedem festgesetzt zu haben. Umso besser war die Wahl der abschließenden Komposition: „Gone With The Wind“. „Sing as loud as you can… for Tom!“, forderte Sam. Wie könnten wir ihm diesen Wunsch abschlagen?

Mein innerer Konflikt

Während der Show fand ich mich immer wieder mit einem inneren Konflikt konfrontiert. Sollte ich die unfassbar geniale Bühnenshow genießen? Oder die Augen schließen und dieser gefühlvollen, leidenschaftlichen Stimme lauschen? Die Architects sind bisher die einzige Band, die es geschafft hat, mich mit Studioaufnahmen und Life-Performance gleichermaßen zu berühren. Die Art, wie Carter den Lyrics mit verschiedensten Stimmennuancen Leben einhaucht, berührt mich jedes Mal tief im Herzen. Das dadurch entstehende Gefühl, eine Mischung aus Leidenschaft, Schmerz und Melancholie, lässt mich auch Stunden danach nicht los. Immer wieder fühlt es sich so an, als würde die Band nicht zuerst vom Ohr, sondern direkt von meinem Herzen aufgesogen werden. Ich höre die Musik nicht nur, ich fühle sie.


More to know: Bereits im Alter von 13 Jahren gründeten die Brüder Tom (Gitarre) und Dan Searle (Schlagzeug) ihre erste Band. In Alex Dean (Bass), Tim Hillier-Brook (Gitarre) und Matt Johnson (Gesang) fanden die Jugendlichen passionierte Bandkollegen. Nach einer Vielzahl von regionalen Auftritten in ihrer Heimatstadt Brighton (England) nahmen die Jungs im Jahr 2006 unter dem Namen Architects ihr Debutalbum „Nightmares“ auf. Seither sind sie in Enthusiasmus und Engagement kaum noch zu toppen. Neben regelmäßigen Touren sind sechs weitere Studioalben auf dem Musikmarkt erschienen. Vor den Aufnahmen zum zweiten Album „Ruins“ (2007) verließ Matt Johnson die Band und Sam Carter übernahm das Mikrofon. Ein weiterer Umschwung bahnte sich 2012 an: Josh Middleton löste Tim Hillier-Brook an der Gitarre ab. 2015 stieß zudem Adam Christianson als Gitarrist dazu. Trotz der Mitgliederwechsel nahm die Band immer weiter an Fahrt auf. Spätestens mit „Lost Forever // Lost Together“ (2014) und „All Our Gods Have Abandoned Us“ (2016) haben sich die Architects weltweit einen Namen in der Metal-Szene erkämpft. Auch der tragische, krebsbedingte Tod von Gründungsmitglied und Songwriter Tom Searle (RIP) im August 2016 warf die Jungs nicht aus der Bahn. Stattdessen ist es seither Anspruch der Band, Tom durch stetige Qualitätssteigerung Tribut zu zollen.

Geschrieben von Julia am Sa, 27.01.2018

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