Baum & Borke Open Air 2018: Gänsehaut trotz Bullenhitze

 

 

© Ulrike Hübner

Borkheide, 04.08.2018. Bis vor zwei Monaten wussten viele Festival-Besucher nicht mal, dass dieses beschaulich-idyllische Örtchen im Herzen von Brandenburg überhaupt existiert. Heute wurde es zur Legende.

Bei bestem Sonnenschein brach ich mit besten Freunden und bester Laune gegen 13 Uhr nach Borkheide auf. Dass der Tag großes Potenzial bot, um in meine persönlichen Jahreshighlights 2018 einzugehen, war bei diesen Gegebenheiten klar. Dass es mich derart umhauen würde, allerdings nicht.

Wenn Borkheide schmilzt

Mit etwas Verzögerung trafen wir leider zu spät ein, um dem Festival-Opener FINN zuzuhören. Generell war das Gelände trotz überschaubarer Größe noch nicht allzu stark besucht. Vermutlich lag es an der Hitze, denn wie schon in den vergangenen Wochen brachte die Sonne Brandenburg erbarmungslos zum Kochen.

Also erst mal ab zum Eiswagen. Waffel oder Becher? Milcheis, Joghurt oder vegan? Welche Zutaten dürfen es sein? Das Konzept der Eis Zauberei Brandenburg überzeugte auf ganzer Linie, immerhin wurde jedes Eis frisch und individuell aus den gewählten Komponenten hergestellt (!!!). Dickes Lob: Hochgenuss vom Allerfeinsten!

Baum & Borke Open Air – Borkheide rockt

Bis zum nächsten Act blieben noch einige Minuten. Zeit, das Gelände zu erkunden. Noch nie habe ich es erlebt, dass ein Festival mit so viel Herzblut und Liebe zum Detail gestaltet war. Neben etwaigen regionalen Food- und Getränke-Trucks gab einen Street Soccer Platz, Kinderschminken mit biologisch abbaubarem Glitzer, eine Chillout Area, Merch-Stand und ein Popcorn-Zelt (WOW!). Nicht zu vergessen das Hans-Grade-Museum an Bord der IL 18.

SIND: Berliner Indie-Pop mit Humor

Um 15 Uhr enterte schließlich die Berliner Band SIND die Bühne. Mit der Kombination aus deutschem Sprechgesang und eingängigen Melodien hatte die Indie-Pop-Band die Zuschauer schnell auf ihrer Seite. Songs wie „Irgendwas mit Liebe“ und „Alpina Weiß“ sorgten für durchgängiges Hüftenschwingen und Kopfnicken. Highlight war wahrscheinlich die humorvolle Coverversion von Eros Ramazottis „Più bella cosa“, mit der SIND dem Original vor allem stimmlich verblüffend nah kamen. Amore für die Ohren!

Remember Cash: Tribute für die Country Musik

Gegen 16 Uhr drängte der Sonnenschein alle Baum & Borke Besucher gnadenlos in die Knie. Glücklicherweise standen Rasensprenger und Gartendusche bereit, um dem Körper zwischendurch etwas Abkühlung zu verschaffen. Auch auf der Bühne ließ sich kaum mehr ein Millimeter Schatten entdecken.

Trotzdem betraten die Herren der Tribute-Coverband Remember Cash das Podium in schwarzen Hemden und langen Jeans – schließlich hätte Johnny Cash selbst auch nie ein Konzert in kurzen Hosen gegeben. Zwischen Klassikern wie „Solitary Man“ und „Hurt“ führte die Band mit Anekdoten und Geschichten über Johnny Cash durch ihr Programm und brachte damit vor allem die Gesichter der Ü50-Festival-Besucher zum Strahlen.

Heavy Metal 2.0: Boba Cat im eigenen Universum

Gegen 17.15 Uhr folgte ein kleiner Stilbruch. Schon in der Umbaupause fielen die Männer von Boba Cat durch bunte Kostüme, New-Kids-artige Perücken und riesige Sombreros auf. Der ein oder andere skeptische Blick ließ nun schon vermuten: Okay, es wird skurril.

Doch mit einem innovativen Konzept überzeugte die Potsdamer Band ab der ersten Minute. Eine Mischung aus Rock‘n‘ Roll und Heavy Metal traf auf Texte von elektronischen Sexspielzeugen und multiplen Orgasmen. So kurios das klingen mag, aber die Jungs nahmen sich selbst absolut nicht ernst und genau DAS kam an! Verrückte Outfits, verrückte Show, verrückte Ansagen, die Bassist Joe Kartoffel immer wieder humorvoll falsch aus dem Englischen seines Bandkollegen übersetze und damit einen Lacher nach dem anderen erntete – es war ein gelungener Auftritt, der zudem musikalisch überzeugte. Sicher haben Boba Cat heute den ein oder anderen Fan hinzugewonnen.

Jahresmitteltemperaturen in Neufundland

Schon fast halb 7, noch immer stand die Luft vor Hitze still. Zumindest der Name der nächsten Band versprach jedoch etwas Abkühlung; immerhin liegt die Jahresmitteltemperatur von Neufundland doch bei 0 – 5 °C.

Ehrliche Texte, ruhige Ballade und rockige Refrains der Kölner Band heizten dem Baum & Borke Open Air allerdings ordentlich ein. Mit herzlichen und leicht verpeilten Ansagen sammelte Neufundland einen Sympathie-Punkt nach dem anderen. Alltagserzählung verliehen dem Auftritt eine ganz persönliche Note und vermittelten vor allem eins: Kämpfe für deine Träume. Halte dich nicht an Sachen auf, die dich unglücklich machen. Und glaube an das, was du kannst. Der Song „Kopf in den Wolken“ rundete das Set von Neufundland perfekt ab und lud zum nachträglichen Philosophieren ein.

Flash Forward: Pop-Punk aus dem Ruhrgebiet

Als um 19.40 Uhr die Jungs von Flash Forward die Bühne betraten, kündigte sich bereits mit den ersten Tönen eine energiegeladene Stunde voll Alternative-Rock und Pop-Punk an. Auch das Publikum wagte sich allmählich näher an die Bühne.

Ob Vorschulkinder, Metal-Heads, das Ehepaar von nebenan oder Rentner mit roten Vögeln auf den Mützen (wer da war, weiß, wovon ich rede ;) ) - Flash Forward zogen alle Besucher in ihren Bann. Kein Wunder, schließlich gründete sich die Band bereits vor 8 Jahren und veröffentlichte seither satte vier Alben. Als die Jungs schließlich den ersten Circle-Pit des Abends anstimmten und die Sonne romantisch zwischen den Bäumen unterging, gab es auch für die letzten Reihen kein Halten mehr. Was für ein Fest!

Kleine Verschnaufpause

Mit Odd Couple betrat um 21 Uhr eine Band der anderen Art die Bühne. Simpler Garage Rock trifft die Musikrichtung der Jungs wahrscheinlich ganz gut. Viele Power Chords, schnelle Schlagzeug-Rhythmen, wenig Gesang, kaum Interaktion mit dem Publikum. Als mich Odd Couple auch nach dem dritten Song nicht so richtig überzeugten, gönnte ich mir – es sei mir hoffentlich verziehen – eine kleine Verschnaufpause. Die „Zugabe“-Rufe gegen 22 Uhr deuteten jedoch an, dass die Band an diesem Abend einige Festival-Besucher glücklich gemacht hatte. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie subjektiv Musik wahrgenommen wird.

Die gegönnte Verschnaufpause war allerdings dringend nötig gewesen, schließlich stand nun der lang ersehnte Headliner des Festivals in den Startlöchern.

Liebe, Leidenschaft, Energie

22.30 Uhr. Prime-Time. Blackout Problems. Ich hatte bereits das Glück, die Münchner bei der Intimate Tour im Mai live erleben zu dürfen. Umso größer war die Vorfreude, die Jungs so zeitnah wiedersehen zu können.

Für den Anfang des Sets wählte Blackout Problems passenderweise den Intro-Track ihres neuen Studio-Albums KAOS: „How are you doing“ ließ die Crowd von Anfang an tanzen, springen und sogar ein bisschen moshen. Besser hätte ein Auftakt wohl kaum laufen können, oder? Tja, falsch gedacht, es geht noch besser – denn gegen Mitte des Songs zog es Sänger Mario inklusive Mikroständer und Gitarre direkt in die Mitte der schwitzenden Menge.

Mit jeder einzelnen Faser seines Körpers strahlte jedes Bandmitglied vor allem eins aus: Wir haben so was von Bock! Und diese Liebe zur Musik übertrug sich in Sekundenschnelle auf das Publikum des Baum & Borke Open Air. Wem da nicht das Herz aufging, der hat vermutlich auch keins.

Im Rhythmus der Musik gefangen

Weiter ging es mit einer Coverversion von Sights & Sounds‘ „Poli‘s Song“, die Blackout Problems einst für einen Sampler der Tierschutzorganisation Sea Shepherd einstudierten. Die eingängige Melodie und der schnelle Rhythmus ließen dem Publikum keine Gelegenheit über die Erschöpfung der Knochen nachzudenken und so wurde eifrig und freudestrahlend weiter getanzt.

Dass das Set von Blackout Problems Klassiker wie „Home“ und „How should I know“ aussparte, tat der Stimmung absolut keinen Abbruch. Stattdessen brachten unter anderem „Difference“, „Limit“ und „Queen“ die Körper der tanzwütigen Masse zum Beben. Bei eingebauten Dance-Sounds – so beispielsweise bei „Kaos“ – verlor sich nicht nur die Band vollends im Rhythmus der Musik, auch das Publikum schien von vorn bis hinten gefesselt zu sein.

Armer Roadie, glückliches Publikum

Doch Sänger Mario schien es von der Bühne aus besser zu sehen und brachte seinen Roadie abermals zur Verzweiflung, als er mit Mikrofon ins Publikum sprang, gefühlt tausende Meter Mikrofonkabel zwischen unzähligen Armen, Beinen und Köpfen verknotete und sich auf die Suche nach den letzten Anwesenden machte, die nicht springen wollten.

Es war eine Show, wie sie nicht einstudiert werden kann. Eine Show, die Herz und Puls rasen lässt wie kein Marathon der Welt. Eine Show, die von Leidenschaft lebt und sich nicht diktieren lässt, wohin sie geht. Eine Show, die fesselt und begeistert und das Publikum in fremde Welten abtauchen lässt.

Als Sänger Mario zu den Zeilen von „The City Won‘t Sleep Tonight“ die Bühnenhalterung hinaufklettert und Bassist Marcus ein Trommelsolo à la Twentyone Pilots loslässt, scheint der Abend schon perfekt zu sein.

DER Gänsehautmoment des Abends

Doch nachdem sich Blackout Problems eigentlich schon mit dem letzten Song des Abends verabschiedet hatten, zogen die Rufe der Crowd die Band nochmals auf die Bühne. Die Überwältigung stand den Jungs aus München förmlich ins Gesicht geschrieben.

Prompt kündigten sie einen Titel an, den sie auf der gesamten Festival Tour noch nicht ausgepackt hatten: Charles. Natürlich nicht geprobt, wie sie sagten. Keine Sorge, Jungs: Hat man nicht gemerkt. ;)

Als sich Mario ans Klavier setzte, schien er die gesamte Welt auszublenden. Der Schweiß tropfte ihm von Kinn und Händen, doch alles, was zählte war der Moment. Selten habe ich so viel Gefühl in einer Stimme wahrgenommen. Ich war wie gelähmt. Alle um mich herum waren wie gelähmt. Magie erfüllte die immer noch kochend heiße Luft. Gänsehaut überzog die Körper der Zuschauer. Tränen standen in so vielen Augen. Nicht, weil der Song zu traurig wäre – es war die Passion zur Musik, mit der Blackout Problems jeden einzelnen Zuschauer förmlich ausknockte. Es war der gelungenste Abschluss, den sich das Baum & Borke hätte wünschen können. Wow.

Danke, Blackout Problems, dass ihr mich nach Borkheide geführt habt!
Danke, Borkheide, dass ihr dieses Open Air Event ermöglicht habt!
Danke, liebes Baum & Borke, für den besten Tag dieses Sommers!

Geschrieben von Julia am Sa, 04.08.2018

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