Der klügste Mensch auf Facebook – Interview

 

 

© Facebook

"Ich werde alles schreiben, was ich gerade denke, über die Leere, die aus mir einen Pseudo-Dichter gemacht hat." Mit diesem Post, der 34 Likes bekam, begann im Dezember 2011 die Facebook-Karriere von Aboud Saeed.

Der bescheidene, unscheinbare, schelmisch lächelnde Mann kommt aus dem nordsyrischen Manbidsch. Er ist gelernter Schmied und Schweißer, das jüngste von sechs Kindern und nichts sagte eine literarische Karriere voraus. Bis er sich auf Facebook anmeldet und ihm die Frage „What’s on your mind?“ gestellt wird. Von da an postet er fast jeden Tag Gedanken, Dialoge und Anekdoten aus dem vom Krieg geprägten Leben. Es geht um Frauen, seine Mutter, die verzwickte Lage Syriens, seine Beziehung zu Facebook und das Rauchen. Seine Einträge sind kurios, manchmal poetisch, manchmal sarkastisch, meistens ehrlich. Sie wirken tatsächlich wie Gedankenzüge, die in Saeeds Kopf herumschwirren und die er unzensiert mit seinem sozialen Netzwerk teilt:

9. Mai 2012 um 9:57
Dem Bürgerkrieg zum Trotz
Heute Morgen werde ich meiner Mutter einreden, sie sei Drusin
An einem anderen Morgen werde ich ihr einreden, sie sei Kurdin
Dann werde ich sie davon überzeugen, dass wir keine Sunniten sind.
Dass unsere blöden Vorfahren uns reingelegt haben und dass wir eigentlich Alawiten sind

Und in einer regnerischen Nacht werde ich sie davon überzeugen, dass wir Juden sind.
Ich werde ihr sagen: ›Mama, wir sind Gottes auserwähltes Volk!‹
Und eines Tages, wenn ich sie wieder im Rauchen unterrichte, werde ich ihr sagen, sie soll einen tiefen Zug nehmen.
›Mama, zieh es mal richtig tief rein und schluck es runter‹.
Und dann werde ich sie davon überzeugen, dass wir Atheisten sind.
263 Likes

Als die Verlegerin Nikola Richter vom mikrotext Verlag auf ihn aufmerksam wurde, brachte sie zusammen mit der Übersetzerin Sandra Hetzl das Buch "Der klügste Mensch im Facebook" heraus, wie seine Mutter ihn zu nennen pflegte. 2013 bekam er politisches Asyl in Deutschland und zog nach Berlin, wo er heute immer noch lebt.

Seit dem 25. November läuft das Stück im Ballhaus Naunynstraße. Auf die Bühne getragen wurde es vom französisch-schweizerischen Schauspieler und Regisseur Karim Chérif. Heraus kommt eine „unkommentierte und unverfälschte“ Darstellung von Abouds Welt. Simpel, puristisch und inspirierend wirkt das Stück, das einzig und allein aus Statusmeldungen des klügsten Menschen im Facebook besteht. Komik, Tragik und Selbstreflexion begleiten den Zuschauer in dieser Inszenierung und auch wenn manche Passagen mit etwas verzweifelt scheinenden Gags geschmückt wurden, so gewähren Chérif und Bärbel Schwarz, die die Musik konzipiert hat, einen unterhaltsamen und trotzdem ernsten und naturgetreuen Einblick in Saeeds Welt. Um auch in Karims Gedanken-Welt zu tauchen, habe ich mich am Rande der Uraufführung mit ihm unterhalten:

Hey Karim! Wie haben du und Aboud sich kennengelernt und was hat dich dazu bewegt, dieses Stück zu kreieren?

Ich kam vor 2 Jahren drauf, als ich für Deutschlandradio ein Mini-Hörspiel aus Aboud Saeeds "Der klügste Mensch im Facebook”-Texten einsprechen durfte. Daraufhin habe ich das ganze Buch lesen wollen und war sofort von der Plastizität und Wucht dieser teilweise banalen, dann wieder sehr komischen und immer erschütternden Posts, beeindruckt.

Die musikalische Vielfalt, die dein Stück begleitet und es ja gleichzeitig auch etwas einteilt, hat mich sehr positiv überrascht. Von Zappel-Rock über melancholische, träumerische Xylophon-Klänge bis hin zu surrenden und klagenden Gitarren-Solos, die von Tönen rollender Panzer, Kampfflugzeugen und Bomben unterbrochen werden. Was sind die Emotionen und Stimmungen, die du damit für die darauffolgenden Worte/Geschichten Abouds übertragen willst?

Ganz richtig, die Assoziationen sollten nicht ganz eindeutig sein … aber klar, darum geht es letztendlich. Die Stimmung und die Emotionen, die Aboud Saeed selbst als er sie geschrieben hat, empfand, kann ich nicht nachempfinden und ich würde mir auch nicht anmaßen, sie mir auszudenken. Natürlich lösen die Texte Emotionen aus. Mit der Musik geben wir Raum und Luft für eigene Emotionen.

Wozu hast du die zahlreichen und unterschiedlichen Musik-Breaks eingebracht? Dienen sie im Stück als Kapitel-Teiler oder eher als Darstellung der Gefühlsschwankungen des Protagonisten?

Die Texte sind einzeln sehr stark und man muss Zeit bekommen sie zu verdauen. Die Musik ist aber auch ein wesentlicher Teil, neben Sprache, Körperlichkeit, Tanz.

Der Erfolg scheint ja garantiert mit solch einem gelungenen Stück, wird man nun häufiger Eigenregien von dir sehen oder wirst du es bei den zwei belassen und dich deiner ebenso erfolgreichen TV-Karriere widmen?

Vielen Dank! — Wir werden sehen — am 17. November läuft erstmal die Reihe "Die Füchsin“ in der ARD an, in der ich den Protagonisten Youssef El Kilali spiele. Ich hoffe erstmal auf eine gute Resonanz und stelle dann die Weichen für meine Zukunft.

Vielen Dank für Deine Zeit und viel Erfolg!

Geschrieben von Hasan am Di, 25.07.2017

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