Die älteste Bäckerei Berlins schließt nach 121 Jahren

 

 

© Jarmoluk

Traurig aber wahr. Die im 19. Jahrhundert eröffnete Bäckerei macht dicht. Niemand will den Laden übernehmen und wirtschaftlich rentiert sich das Geschäft auch nicht mehr. Somit ist das Ende besiegelt.

"Danke für Ihre Treue" – so steht es auf einem Zettel im Schaufenster. Nach 121 Jahren ist Schluss in der wohl ältesten Bäckerei Berlins in der Florastraße. Die letzte Schrippe ist verkauft und somit gibt es wieder einen Traditionsbetrieb weniger. Bäckermeister Jürgen Gabriel zum Ende seines Ladens: "Dass es mal so kommen würde, hätte ich nicht gedacht" und blickt nachdenklich aus dem Fenster.

Herr Gabriel ist nicht mehr in der Lage, den Betrieb weiterzuführen. Er ist 76 Jahre alt und das Gehen fällt ihm sichtlich schwer. Wenn er spricht, macht er lange Pausen. Er braucht Stützen. Unzählige Mehlsäcke, Bleche und Bottiche hat Jürgen Gabriel in über 60 Jahren geschleppt, Teig geknetet und gefaltet. Die Schlepperei war eine Plage, aber seinen Laden hat der Bäckermeister immer mit "Leib und Seele" betrieben.

Die schwere Entscheidung, die Bäckerei zu schließen, liegt an seinem hohen Alter. Aber auch die wirtschaftliche Lage spielt eine Rolle: "Die Bäckerei war nur noch ein Zuschussgeschäft."

Um den Betrieb überhaupt aufrecht zu erhalten, musste Gabriel einen Großteil seiner Rente für Löhne, steigende Betriebskosten und die Backzutaten dazugeben. Und wie es in Berlin mittlerweile normal ist, hat der Haueigentümer die Mieten erhöht. "Das hat sich alles nicht mehr gerechnet", sagt er.

Gerne hätte er seinen Betrieb einem jüngeren Kollegen mit Energie und Freude übergeben, doch niemand hatte ernsthaft Interesse. Auch nicht sein Sohn, der selbst Bäckermeister im Betrieb seines Vaters war. Gabriel sieht keine guten Zeiten für das Handwerk: "Die Industrie hat alles kaputt gemacht." Die vielen Backshops, die Discounter und Tankstellen – sie alle backen frische Teigrohlinge auf und verkaufen sie als ofenfrische Ware. Und das zu günstigeren Preisen, als Gabriel sie bieten kann.

Es hat sich im Kiez rumgesprochen, dass der Laden schließt. Viele Kunden kommen noch einmal, um sich zu verabschieden. Es gibt Umarmungen und der Chef lächelt. Um zehn Uhr vormittags ist es soweit: Brot und Brötchen sind ausverkauft. Einige Kunden haben das doppelte gekauft als sonst. Es war die letzte Chance. Ein alter Mann kommt zu spät, die Bäckerei hat geschlossen.

Das Interieur wird verkauft, die Theke ist über 100 Jahre alt. Tischler wollen sich um sie kümmern. Sie abbauen und restaurieren. Für Jürgen Gabriel beginnt mit dem Ende seiner Bäckerei nun ein neues Kapitel: Er muss seine Wohnung hinter der Backstube aufgeben und zieht ins Altenheim.

Geschrieben von Roman am So, 02.07.2017

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