"I wanna kill you" – Wie die sechsjährige Beth Thomas ihre Eltern töten wollte

 

 

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Die anmutige Beth Thomas wird als Kleinkind vergewaltigt und kommt anschließend zu Pflegeeltern. Diese will sie als Sechsjährige umbringen, ihren Bruder dazu. Doch ihr Leben ändert sich – und zwar grundlegend.

Beth Thomas ist ein niedliches Mädchen mit braunen Haaren und funkelnden Augen. Was die Sechsjährige Anfang der Neunzigerjahre erzählt, ist kaum zu fassen. Sie spricht mit ruhiger Stimme darüber, wie sie ihre Eltern töten wolle: „I wanna stab them with a knife.“ Außerdem berichtet sie über bereits getötete Tiere und wie sie ihren Bruder Jon misshandelt hat: „I hurt him so much and I wanna kill him.“ Wie kommt dieses Mädchen auf solche Gedanken? Und wie konnte sie sich davon wieder befreien?

Im Alter von nur einem Jahr starb Beths Mutter. Anschließend kam sie zusammen mit ihrem Bruder Jonathan in die Obhut des alkoholkranken Vaters. Der hatte kein Interesse am Wohl seiner Kinder und vergewaltigte das Mädchen mehrfach bis sie eineinhalb Jahre alt war. Von Kümmern keine Spur, stattdessen großes Leid. An der Situation musste sich etwas ändern und die Geschwister wurden im Rahmen des „Child Service" bei Pflegeeltern untergebracht.

Pfarrer Tim Thomas und seine Frau Nancy waren bemüht, ihren Adoptivkindern ein liebevolles zu Hause zu bieten. Zu diesem Zeitpunkt war ihnen nicht klar, was Beth und John bereits durchmachen mussten. Die zuständigen Behörden verschwiegen den Missbrauch, doch nach und nach äußerte sich der schwerwiegende Hintergrund der Kinder.

Jon, damals sieben Monate alt, wies Schäden im Kopfbereich auf, die für Babies in diesem Alter untypisch sind. Der Schädel war verformt und konnte nicht angehoben werden. Dies waren die ersten Anzeichen, dass Jonathan vernachlässigt wurde. Beth hatte mit schweren Alpträumen zu kämpfen. Sie erzählte, „ein Mann sei auf sie gefallen und verletzte sie mit einem Teil von sich". Den Pflegeeltern wurde nun bewusst, warum die Beiden beim „Child Service" landeten.

Beth zeigte weitere Verhaltensstörungen. Mehrmals täglich mastubierte sie, auch öffentlich und teilweise so heftig, dass sie ins Krankenhaus gebracht werden musste. Ihren Bruder und die Haustiere quälte sie mit Stecknadeln und des Öfteren gab sie von sich, ihre Eltern und Jon töten zu wollen. All das tat Beth mit einer Gefühlskälte, die erschreckend ist – keine Reue, kein Mitleid.

Ihr war bewusst, dass ihre Taten und Äußerungen grundsätzlich schlecht waren, die entsprechenden Gefühlte konnte sie aber nicht empfinden. Beth quälte ihren Bruder und schlug seinen Kopf beispielsweise auf einen Zementboden, so dass er mit starken Blutungen genäht werden musste. Sie tötete Vögel und wollte keine Menschen in ihrer Nähe haben.

Nancy und Tim reagierten und brachten Beth zur Therapeutin Connell Watkins, die eine schwere reaktive Bindungsstörung diagnostizierte. Nach einem Jahr in Therapie hatte sich das Mädchen vollständig verändert. Sie zeigte Gefühle und weinte über ihre eigenen Taten. Das Bedürfnis, jemand anderen schädigen zu wollen, war verschwunden. „Beth lernte im Zuge der Therapie, in der sie rund um die Uhr betreut wurde, zu fühlen und zu denken."

Sie ist das perfekte Beispiel einer gelungenen Therapie. Mittlerweile arbeitet sie als Krankenschwester und engagiert sich zusammen mit Stiefmutter Nancy für misshandelte Kinder. Der Fall „Beth Thomas" wurde öffentlich dokumentiert. CBS strahlte im Jahr 1992 die Dokumentation „Child of Rage" aus, in der ausführliche Interviews mit Therapeuten, Pflegeeltern und Beth zu sehen sind.

Geschrieben von Roman am Mo, 29.05.2017

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