Macht kaputt, was euch kaputt macht: Eine kleine Geschichte zum 1. Mai in Berlin

 

 

© YouTube

Jährlich grüßt der Steinewerfer. Autos anzünden, Scheiben zerschlagen und vermummt durch den Bezirk ziehen. Ganz so schlimm ist es heutzutage nicht mehr in den Straßen Kreuzbergs. Doch der 1. Mai ist in Berlin ein besonderer Tag, aber warum eigentlich?

Am Tag der Arbeit organisieren sich in Kreuzberg linke und linksradikale Gruppen, um zu demonstrieren und ihrer Zerstörungswut freien Lauf zu lassen. Begonnen hat alles am 1. Mai 1987. Es brachen schwere Unruhen aus, die Polizei musste sich über Stunden aus SO36, dem östlichen Teil Kreuzbergs, zurückziehen. Seit dieser Aktion finden jährlich eine oder mehrere Revolutionäre 1. Mai-Demonstrationen statt.

Schon vor ´87 kam es in Kreuzberg zu Straßenschlachten zwischen linken Gruppierungen und der Polizei. Diese waren allerdings in Kreuzberg eher normal und fast niemand hat was davon bemerkt. Als sich dann in den Jahren 86/87 der Betroffenenblock bzw. Revolutionärer Block formierte, ging es mit über 1.000 Teilnehmern ordentlich zur Sache.

Zunächst verlief das traditionelle Straßenfest friedlich. Da die Polizei aber am Morgen des 1. Mai die Büroräume des Volkszählungsboykotts im Mehringhof durchsuchte, herrschte innerhalb der linken Szene gereizte Stimmung. Um 16 Uhr wurde in Abwesenheit der Polizei ein Streifenwagen umgeworfen und gegen Abend zwei Bauwagen auf die Straße geschoben. Die Beamten reagierten – mit Schlagstock und Tränengas. Anschließend zogen sich die Polizisten aus dem Gebiet um die Skalitzer Straße zurück.

Der BVG-Verkehr nach Ost-Kreuzberg wurde eingestellt und weiträumige Straßensperren errichtet. Trotzdem strömten am besagten Abend immer mehr Personen nach SO36. Hier hatten die Linken Barrikaden aus Baufahrzeugen und Autos errichtet und angezündet. Diese Barrikaden wurden von Steine werfenden Personen verteidigt. Molotowcocktails flogen durch die Gegend und Zwillen kamen zum Einsatz. Auch vor Löschfahrzeugen machten die Demonstranten keinen Halt. Die brannten lichterloh.

Während der Krawalle wurden über dreißig Geschäfte geplündert. Neben großen Einkaufsketten auch kleine Einzelhändler. Ein besonderer Vorfall ereignete sich in der Supermarktkette Bolle am Görlitzer Bahnhof. Nachdem das Geschäft geplündert wurde, brannte alles nieder und stürzte ein. Umliegende Wohnhäuser wurden glücklicherweise nicht in Mitleidenschaft gezogen. Der Clou an der Geschichte: Das Feuer ging nicht von der linken Szene aus, sondern von einem Pyromanen, der von den Ausschreitungen nichts mitbekam und nur zufällig vor Ort gewesen sei.

Als Zentrum der Unruhen galt der U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof. Er wurde angezündet und von hunderten von Menschen belagert, die auf den gusseisernen Streben herumtrommelten. Der Bahnhof musste daraufhin für mehrere Wochen geschlossen werden.

Und welche Strategie hatten die damaligen Polizeibeamten? Alkohol und Müdigkeit. Unzählige Menschen waren volltrunken, woraufhin einige der Müdigkeit verfielen. Zwischen zwei und drei Uhr nachts kam es schließlich zum Gegenangriff der Ordnungshüter. Wasserwerfer und Räumfahrzeuge fuhren auf. Der Widerstand begann nach und nach abzuflauen.

Insgesamt wurden über hundert Personen verletzt und 47 festgenommen. Unter den Festgenommenen befand sich auch Norbert Kubat. Er hat sich in der Nacht vom 25. auf 26. Mai im Gefängnis das Leben genommen. Die Linken regierten mit einem Brandanschlag auf die Bilka-Filiale an der Kottbusser Brücke. Norbert wurde am 28. Mai auf einem Trauermarsch von ungefähr 1.500 Menschen verabschiedet.

Die heutigen alternativen Veranstaltungen gelten als Gegeninitiative zu den Ausschreitungen. Die bekannteste ist das jährlich stattfindende Myfest. Das Fest, das im Zentrum der damaligen Krawalle veranstaltet wird, will mit ihren Besuchern jegliche Art von Gewalt im Keim ersticken – und das erfolgreich. Die Gewalt hat deutlich abgenommen. Letzte massive Angriffe auf die Polizei gab es im Jahr 2009.

Wir dürfen also entspannt in Richtung Mai blicken und hoffen auf ein friedvolles Fest. Alkohol und Müdigkeit werden uns garantiert zur Seite stehen. Und die Polizei auch.

Geschrieben von Roman am Mo, 30.04.2018

Share on:

More on Aweyk ...

Als Kartoffel unter Kiwis #3: We are the People

Als Kartoffel unter Kiwis #3: We are the People

Berlin. Überfüllte U-Bahn, jeder starrt auf sein Smartphone. Hauptsache, niemand kommt auf die Idee, jemanden anzusprechen. In Berlin lebt jeder für sich. In Neuseeland leben alle füreinander.

Stories

So genial kontert Namibia Trumps "Shithole"-Äußerung

So genial kontert Namibia Trumps "Shithole"-Äußerung

Nichts hat in den letzten Tagen so hohe Wellen geschlagen, wie die angebliche "Shithole"-Bemerkung Donald Trumps, bezüglich der afrikanischen Staaten. Jetzt schlagen diese zurück mit einem witzigen Video, welches an einen Trend des letzten Jahres erinnert.

Stories

HELDENMARKT & VeggieWorld 2017

HELDENMARKT & VeggieWorld 2017

Am 11. & 12. November ist es soweit: HELDENMARKT und VeggieWorld – die zwei führenden Verbrauchermessen zum Thema Nachhaltigkeit und pflanzlichen Lebensstil finden im Herzen von Berlin-Kreuzberg statt.

Stadtleben