Of Mice & Men in Berlin: Gemischte Gefühle wenden sich zum Guten

 

 

© M. Nasser

Berlin, 10/04/18. Es ist nur wenige Monate her, dass die kalifornische Metalcore-Band Of Mice & Men in der deutschen Hauptstadt gerockt hat. Und doch war es eine Art Prämiere, denn mit dabei hatten sie diesmal „Defy“ – das erste Studio-Album ohne Ex-Frontman Austin Carlile.

Zugegeben, in meiner heutigen Vorfreude schwang etwas Skepsis mit. Es war für mich bei Weitem nicht die erste Show von Of Mice & Men – aber die erste ohne Austin Carlile. In meinen Augen hat der ehemalige Frontsänger den Live-Shows mit seiner ungebändigten Leidenschaft immer etwas Magisches verliehen. Aus krankheitsbedingten Gründen verließ Carlile die Band jedoch bereits Ende 2016. Für die Band kein Grund, die Instrumente an den Nagel zu hängen – schließlich übernahm Bassist Aaron Pauley schon seit 2012 die Klargesänge. Dass ihm auch das Screaming liegt, hatte er im Laufe der Jahre mehr als einmal bewiesen. Und doch war ich unsicher, ob mich die Show genauso mitreißen würde wie vor zwei Jahren.

„You’re not alone“ – oder doch?

Bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel traf ich am Columbia Theater ein, und hatte mich mental schon auf eine meterlange Schlange eingestellt. Aber nichts da. Vereinzelt saßen einige Fans auf den Stufen vor dem Club, tranken Bier und unterhielten sich. Anscheinend hatte es jedoch niemand eilig, den Saal zu stürmen. Ob es am guten Wetter oder doch – wie bei mir – an einem bestimmten Grad von Skepsis lag, sei jetzt mal dahingestellt.

Als ich den Club betrat, war ich fast allein. Die erste Reihe war bereits gefüllt, einige andere lümmelten an der Bar rum, das war’s aber auch. Eine halbe Stunde vor Beginn war es immer noch nicht viel voller. Dass die Show trotz des kleinen Clubs nicht ausverkauft war, hatte mich eigentlich gewundert. Glücklicherweise strömten bis 19:30 Uhr noch ein paar mehr Musikverliebte in den Saal, so dass er immerhin zu 60 - 70 % gefüllt war.

Sylar – Metalcore-Rap aus NYC

Für Rockstar-Verhältnisse doch relativ pünktlich betrat die erste Vorband die Bühne. Sylar war das erste Mal den langen Weg aus New York nach Berlin angetreten. Das allein verdiente schon Respekt. Zwar dauerte es anderthalb/zwei Songs, bis die Masse (wenn man das so nennen möchte) halbwegs warm war, aber spätestens dann hatte sich Sylar den Respekt des Publikums erspielt. Eine Mischung aus Metalcore, Rap und Alternative ließ bis in die letzten Reihen die heads bangen.

Die Jungs gaben auf der Bühne ordentlich Gas und ließen die Zuschauer spüren, wie viel ihnen dieser Auftritt bedeutete. Jedoch zeigte sich bei der Technik mal wieder, dass weniger manchmal einfach mehr ist. Die Lichtshow bestand nur aus kaltem und warmem Licht sowie Dunkelheit – und haute mich voll und ganz um. Selten hatte ich eine so markante Lichtshow mit so wenigen Mitteln gesehen. Perfekt auf den Rhythmus abgestimmt tat der Lichttechniker genau das, was er sollte: Die Show perfektionieren. Beim Ton sah das leider ganz anders aus. Regelmäßig übersteuerten die Gitarren, das Schlagzeug überschlug sich mehrfach und von der fantastischen Stimme des Klarsängers war neben dem Screamer absolut nichts mehr zu verstehen. Schade, Spaß gemacht hat’s aber trotzdem.

Wage War drehen auf

Saal zu schätzungsweise 75 % gefüllt. Immerhin. Als zweite Band des Abends spielte sich nun Wage War in die Herzen derjenigen, die hier noch nicht mit einem Fan-Shirt aufgetaucht waren. Selten war eine Fangruppe der Vorband so stark im Publikum vertreten. Allerdings schien das niemanden mehr zu wundern, als die Jungs aus Kalifornien die ersten Töne gespielt hatten. Bei Songs wie „Alive“, „Twenty One“ und „Gravity“ hielt es niemanden mehr auf den Füßen. „Jump jump jump jump!“ forderte Frontsänger Briton Bond, und das Publikum tat wie ihm befohlen wurde.

Von Song zu Song schien sich Wage War immer weiter zu steigern. Noch mehr Elan, noch mehr Leidenschaft, noch mehr Schweiß. Und die Fans taten es ihnen gleich. Das ist der (leider immer unterschätzte) Vorteil bei einem so kleinen Club: Die Band spielt nicht für die Masse, sondern mit ihr. Als würde sich eine Einheit bilden, reihte sich Wall of Death an Circle Pit, bis mit „Stitch“ die letzten Akkorde durch den Saal flogen. Diesmal tontechnisch zum Glück um Klassen besser. Trotz flehender „one more song“-Rufe räumten Wage War schließlich das Feld.

„I defy…“ this skepticism

Es war bereits 21:15 Uhr, alle Körper bis auf die Knochen durchgeschwitzt. Der Saal zu 80 % gefüllt. Um es vorweg zu nehmen: Voller wurde es nicht mehr. Sylar und Wage War hatten uns ordentlich eingeheizt und die Stimmung auf ein wirklich hohes Level gehoben. Doch leider hielt sich meine Skepsis wie ein hartnäckiger Parasit in meinen Hinterkopf gekrallt. Wie würde die Show aussehen, wenn ausnahmslos alle Musiker an ihr Instrument gebunden sind? Wenn niemand leidenschaftlich auf der Bühne herumrennt, sich im Kreis dreht und im Breakdown auf und ab springt?

Wenige Minuten nach halb 10 wurde es wieder dunkel im Saal und die vier Kalifornier betraten mit den ersten Tönen von „Defy“ die Bühne. Rein musikalisch war Of Mice & Men von der ersten Sekunde an nicht das geringste vorzuwerfen. Pauleys Stimme ummalte die harten Gitarrenriffs genauso wie die melodischen Parts – ob Screaming oder Klargesang oder ein ständiger Wechsel. Selten habe ich live solch eine stimmliche Perfektion zu Ohren bekommen. Die Solo-Gitarre umarmte zu jedem Zeitpunkt kompromisslos die Lead-Gitarre und Schalgzeuger Valentino Arteaga setzte jeden Beat auf den Punkt.

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Liebe, Leidenschaft & wertvolle Erkenntnisse

Und ja, da war sie tatsächlich, die Leidenschaft, um die ich mich so gesorgt hatte. Trotz Perfektion lag Liebe und Freude in der Musik. Endlich konnte ich den Parasiten aus meinem Hinterkopf reißen, auf den Boden werfen und wild darauf herumspringen. Bei einem Live-Auftritt voller Gefühl brauchst du als Publikum niemanden, der dich zum Springen animiert. Nein, die Energie überträgt sich dann von ganz allein.

Zum Glück der alteingesessenen Fans folgten auf die neuen Hits „Warzone“ und „Unbreakable“ auch noch Klassiker wie „Would You Still Be There“ und „Bones Exposed“. Spätestens jetzt war jedem klar, dass Pauley seiner neuen Aufgabe als Frontsänger mehr als grandios nachkam. Sogar an „Pain“ – Carliles Coming-Out Song über seine Krankheit Marfan-Syndrom – traute sich Of Mice & Men, obwohl das Lied ursprünglich nahezu 100 % von Carlile selbst gesungen/gescreamed wurde. Vielleicht in gewisser Weise auch eine Ode an den Ex-Frontsänger?

Klein aber oho

Nach 45 Minuten verließ Of Mice & Men verschwitzt aber grinsend die Bühne. Manchmal ist ein zu 80 % gefüllter, winziger Club mehr wert als die riesengroße, von irgendeinem Handyanbieter oder Autohersteller gesponserte Stadthalle… Zumindest belohnte die Band unsere „one more song“-Rufe und kam erneut auf die Bühne, um den Abend noch perfekter zu machen. Bei „The Depths“ wurden das Columbia Theater, die Fans und die Band vor lauter Energie fast dem Erdboden gleichgemacht. Was für ein Fest! Da verzichtet man doch gern auf einen sonnigen Abend im Freien.

Fazit: Natürlich ist der Verlust von Carliles Stimme mehr als tragisch. Of Mice & Men werden nie mehr die Jungs sein, die ich noch 2016 gesehen habe. Aber die Neuen stehen den Alten musikalisch und leidenschaftlich in nichts nach. Das haben mir Of Mice & Men 2.0 heute bewiesen.

Geschrieben von Julia am Mi, 11.04.2018

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