Von wegen Highspeed: Wie Deutschland auf der internationalen Datenautobahn dahinkriecht

 

 

© Olu Eletu

Für die langsame Internetverbindnung braucht unser Land eine schnelle Lösung. Doch die scheint unter der Erde neben den Glasfaserkabeln vergraben zu liegen.

Julius sitzt mit hochrotem Kopf vor seinem Laptop und murmelt irgendwelche Schimpfwörter vor sich hin. Seine Mitbewohnerin Tanja sagt mit vorgehaltener Hand: „Wahrscheinlich flippt er gleich wieder völlig aus.“ Und tatsächlich – wutentbrannt steht er auf und wirft sein Smartphone mit solch einer Wucht gegen das Sofa, dass es nach dem Aufprall am Boden landet. Die Internetverbindung ist mal wieder so lahm, dass kriegsähnliche Zustände in der Neuköllner-WG herrschen und eine wichtige Datei nicht übermittelt werden kann.

Langsames Internet ist in Deutschland keine Seltenheit, ganz im Gegenteil, eher der Normalfall. Und das nicht nur in ländlichen Gegenden, wo technische Dienste verschwitzt haben, einen Empfangsmasten aufzustellen, nein, auch in der deutschen Hauptstadt Berlin. Statt wie auf Werbebannern groß angekündigte „Highspeed“-Verbindungen, wirkt das Internet hierzulande eher wie Schmalband.

Schon 2009 versichterte Kanzerlin Merkel: „75% der deutschen Haushalte sollen bis 2014 mit einer Geschwindigkeit von mindestens 50 Megabit pro Sekunde Daten aus dem Netz ziehen können.“ Da hat sich unsere First-Lady leider verschätzt, denn mit gerade einmal sechs Megabit pro Sekunde surft der Deutsche Nutzer im Schnitt.

Julius hat sich wieder beruhigt. Er krabbelt auf dem Boden und sucht ein abgebrochenes Teil. „Irgendwann bekomme ich einen Schlaganfall wegen unseres Internets. Es treibt meinen Blutdruck regelmäßig in die Höhe und gesund ist das nicht. Naja, wenigstens ist man hier gut versichert“, sagt er. Tanja sitzt auf einem sicheren Fleck des Sofas, strickt, und sieht das etwas gelassener. „Glücklicherweise bin ich nicht so sehr darauf angewiesen, aber ich kann es verstehen, dass Leute ausrasten, wenn sie wirklich eine schnelle Verbindung benötigen.

Als stärkste europäische Wirtschaftskraft liegt Deutschland im internationalen Vergleich höchstens im Mittelfeld. Das bereitet ein bisschen Angst, angesichts der Digitalisierung unserer Gesellschaft und Unternehmen. Und schließlich wollen wir unsere Stellung innerhalb der EU behalten, was langfristig nur möglich ist, wenn wir das Tempo erhöhen. Aber auch die Bürger sind auf Schnelligkeit angewiesen, sei es für das Home-Office, die neue Full-HD Serie auf Netflix oder das 4K-Video auf YouTube.

Nach materiellem Schaden des Smartphones und kochendem Blut setzt sich Julius mit einem Hefeweizen auf das Sofa und sagt: „Was soll ich tun? Ich kann nicht jeden Tag bei meinem Anbieter anrufen, und sagen, dass mein Internet zu langsam ist.“ Da hat er Recht. Es ist ein große Herausforderung für unsere Republik, an Geschwindigkeit zuzulegen. Infrastruktur-Experte Richard Sietmann vom „c´t“-Fachmagazin prognostiziert: „Das ist eine gewaltige gesellschafts- und industriepolitische Herausforderung, vergleichbar der Elektromobilität oder der Energiewende.

Die BVG habe mittlerweile nachgelegt und biete eine relativ gute Wifi-Austattung in den öffentlichen Verkehrsmitteln, meint Julius, wenn er aber von Station zu Station durch einen U-Bahn-Tunnel fahre, funktioniere das immer noch nicht wirklich. „Da würde ich lieber in Japan oder so wohnen, da läuft alles überall und immer, zumal ich als Fotoredakteur arbeite und oft große Datenmengen schnell übertragen muss.

Das Ende vom Lied: In den Städten steigen die Bandbreiten, wobei es auf dem Land kaum Ausbau gibt und so bleibt die Zukunftstechnologie Glasfaser ein Nischenmarkt. Sollte das Internet als eine Fürsorge betrachtet werden, brauchen wir definitiv mehr Zuneigung. Möglichst bald.

Julius sagt abschließend, nachdem er an seinem Weizen genippt hat: „Vielleicht sollten wir uns in Deutschland weiterhin auf Bier konzentrieren, denn das kippt keiner so schnell wie wir.“

Geschrieben von Roman am Mi, 05.09.2018

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