Wie habt ihr es mit dem Kokain in Wien? Der Mythos einer verschneiten Stadt

 

 

© Gbisoni

Ob Sigmund Freud, Georg Danzer, Moneyboy oder Falco. Sie alle haben eines gemeinsam: Eine enge Verbindung zur österreichischen Hauptstadt und die Liebe zum Kokain – dem „Wiener Schnäh“.

Freud, der 1,27 Dollar für ein Gramm bezahlte, schrieb über das weiße Pulver: „Man fühlt sich damit euphorisch, lebenskräftig und arbeitsfähig – und das Beste: Man ist einfach normal.“ Damals schnieften Wiens Bürger munter drauf los und die Risiken schienen dabei bedeutungslos, der Konsum wurde sogar wärmstens empfohlen. Es ließ sich „keinerlei negative Wirkung“ feststellen und natürlich waren alle bald schwer kokainabhängig.

Heute ist das anders – möchte man meinen. Über die Gefahren und das Suchtpotential der Droge ist die Gesellschaft gut informiert, dennoch rennt halb Wien los, wenn öffentlich wird, dass sich im Getränk eines österreichischen Großkonzerns minimale Spuren von Kokain befinden. Woher kommt also diese besondere Beziehung zwischen Wien und Kokain?

Ein von @yungspunnozzler geteilter Beitrag am

Ein wesentlicher Auslöser der ersten Kokainwelle in Wien war der beinahe schon hymnisch verfasste Text „Über Coca“ vom bereits erwähnten Herrn Freud. Er pries in diesem Loblied Kokain als Wundermittel gegen sämtliche Krankheiten, als Hilfe für Morphiumsüchtige, als Antrieb für alle Schwachen an – und ganz Wien hat es ihm abgekauft. Warum auch nicht, er hatte die Informationen schließlich aus Werbeschriften von Kokain-Produzenten und aus Quellen, die er teilweise gar nicht las.

Als der Psychologe einen engen Freund mit einer Kokain-Therapie zugrunde richtete, war es dann vorbei mit dem Zauber und Sigmund wieder zurück auf dem Boden der Tatsachen. Aber auch nach diesem tragischen Vorfall konsumierte Freud weiter, obwohl ihm der Misserfolg der Therapie klar war. Sein Versagen hatte er nie öffentlich eingestanden, erst in späteren persönlichen Briefwechseln kam er auf die Idee, dass es vielleicht doch etwas zu viel des Guten war.

Die zweite Welle gehörte den Wiener Popmusikern. Und was dachten die sich so? Uns doch alles egal, wir brauchen Schnee! Da die Schnupfkünstler recht offen mit ihrer Vorliebe umgingen, fielen dann schon mal solche Sätze wie von Rainhard Fendrich: „Ja, ich habe locker Koks im Wert eines Ferrari durch die Nase gezogen“. Wolfgang Ambros dagegen offenbarte uns in Bezug auf seinen Kokain-Konsum: „Das ist kein Berg Kokain, das sind die Dolomiten“. Georg Danzer konnte nicht mal im Schlaf die Finger davon lassen und packte gleich jeden Einwohner Wiens mit ein, indem er „Ganz Wien träumt vom Kokain“ sang.

Falco durfte natürlich nicht fehlen, denn was wäre Wien ohne Falco und was wäre Falco ohne Kokain? In einem Interview meinte der einstige österreichische Superstar: „Ich habe ohne Ende Drogen eingeworfen und war phasenweise psychisch völlig von der Rolle.“ Bei seinem Tod hatte er eine große Menge Kokain in der Blutbahn und mit Liedern wie "Der Kommissar" oder "Mutter, der Mann mit dem Koks ist da" ließ sich sein Wohlwollen gegenüber dem weißen Pulver auch nur schwer verleugnen.

Heutzutage existieren keinerlei Empfehlungen mehr von Wissenschaftlern, die uns den Konsum nahelegen, ganz im Gegenteil. Und Lobgesänge finden wir auch nirgendwo, allenfalls vom Wiener Rapper Moneyboy, der auf sozialen Netzwerken von seinem Verhör schreibt, nachdem er wegen Kokainbesitz festgenommen wurde: „Der Richter ist so 1 lame Motherfucker! Fängt an zu lachen, als ich sagte drei Kilo von dem weißen Zeug, das ist Eigenbedarf. So 1 Witz!!!“. Bands wie Bilderbuch oder Wanda singen lieber über “Spliff” oder “Stehengelassene Weinflaschen”, aber vom weißen Pulver ist da kaum noch bis gar nicht mehr die Rede.

Trotzdem ist Kokain auch heute keine exotische Droge in der Hauptstadt, schon alleine wegen der Ballsaison. 2009 wurden 53, 3 Kilo beschlagnahmt, 2010 bereits 241 Kilo und 2013 erhöhte sich die Zahl noch einmal. Der Konsum von Kokain steigt also weiterhin, mittlerweile gibt es aber aufgrund der hohen Kosten Ausweichmöglichkeiten, wie uns ein Wiener Drogendealer verrät: „Junge Menschen mögen E´s (Ecstasy). Die sind billig und berauschen halt. Speed geht immer, quer durch die Bank. Koks und MDMA sind dann eher so ab Mitte 20, wegen des Preises.“ Aber nicht nur die Bandbreite, auch das Angebot hat sich verändert. So zum Beispiel die beiden Koks-Opas, die im Alter von 79 und 75 Jahren aktiv gedealt haben, dann aber erwischt wurden; oder ein Drogenring, der speziell für die Hipster-Generation Fair-Trade-Koks anbietet; oder der Nobel-Italiener, der direkt von der Theke weg verkauft.

Kokain ist also fast schon Tradition in Wien. Die enge Verbindung existiert inzwischen eine ganze Weile und zwar sehr intensiv. Die Zuneigung wurde auch immer ohne große Hemmungen preisgegeben, ausplaudern gehörte irgendwie dazu und irgendwann gehörte die Droge zur Stadt. So hat sich der weiße Schleier über Wien gelegt, der einen im Zusammenhang mit der Stadt immer wieder mal einfängt. Bleibt abschließend noch eine Frage offen: Warum heißt der städtische Verkehrsbetrieb eigentlich Wiener Linien?

Geschrieben von Roman am Fr, 21.12.2018

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