Sirplus – Der erste Laden für weggeworfene Lebensmittel

 

 

© Ryota Abe

Schrumpelige Karotten. Gurken, die sich krümmen und biegen, als gäbe es kein Morgen mehr. Und Brot vom Vortag. Produkte die in deutschen Supermärkten eigentlich nicht zu finden sind. Jetzt schon.

Im Herzen Charlottenburgs, mitten auf der Einkaufsmeile in der Wilmersdorfer Straße, wird Deutschlands Einkaufswagen neu gestaltet. Oder fast. Umgeben von MediaMarkt, LIDL und unzähligen Konsumtempeln ragt seit Freitag ein kleiner Laden hervor, der das Konsumverhalten der Berliner revolutionieren möchte. "Sirplus". Ein Name nichtssagend wie viele andere und doch hat er eine große Bedeutung. Er ist eine Abwandlung vom englischen Wort surplus (=Überschuss) und genau darum geht es hier. Sirplus vertickt abgelaufene und aussortierte Lebensmittel, die die Lebensmittelindustrie abwirft bzw. nicht mehr verkaufen kann. Krumme Auberginen, Säfte die kurz vor oder nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum stehen und Äpfel, die nicht wie tausendfache Klonen, in die herkömmlichen Supermarkt-Regale passen.

30 bis 70 Prozent günstiger als im normalen Supermarkt sollen die Waren kosten (die Studenten unter euch dürften sich freuen). Trotzdem sollen die Waren qualitativ einwandfrei sein, strenge Qualitätskontrollen sorgen dafür. Denn wenn irgendein Kunde sich bei Sirplus eine Lebensmittelvergiftung holen sollte, wäre das gute deutsche Ordnungsamt sofort zur Stelle und der Laden schnell dicht. Doch auch "nicht schnell verderbliche Lebensmittel" gibt es im Store-Angebot: Chips, deren Mindesthaltbarkeitsdatum in 2 Wochen abläuft, leckere Rosinenbrötchen vom vorigen Nachmittag oder knuspriges Müsli, welches die Hersteller nicht mehr an ihre Händler loswerden können, suchen auf den knapp 70m² Verkaufsfläche einen friedliebenden Käufer.

Jedes Jahr landen in Deutschland 11 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll – ca. 30 tausend Tonnen am Tag. Das ist in etwa das Gewicht, das alle Friedrichshainer, Kreuzberger und Prenzl'berger zusammen auf die Waage bringen! Das meiste davon wird von Supermärkten, Restaurants und den Herstellern und Bauern weggeworfen. Strikte Hygiene-Vorschriften und utopische Schönheitsideale machen es nicht besser. Obwohl jeder weiß: Eine krumme Aubergine schmeckt im Makali mindestens genauso gut wie eine perfekt gradlinige ... mindestens!!

Drei Gründer stecken hinter dem Projekt (v.l.n.r.: Alexander Piutti, Raphael Fellmer und Martin Schott). Ziel ist es, die Lebensmittelverschwendung nachhaltig zu reduzieren und zusammen mit den Produzenten, dem Handel und den Konsumenten die Wertschätzung aller Lebensmittel zu stärken und so das Bewusstsein für Lösungen zu steigern.

Raphael Fellmer, einer der drei Gründer, engagiert sich seit Jahren mit seiner Initiative Foodsharing gegen das massenhafte und oft sinnfreie Wegwerfen von oft noch genießbaren Lebensmitteln. "In Deutschland wird pro Minute eine Lkw-Ladung an Lebensmitteln vernichtet. [...] Mit unserem Konzept des Food Outlet Stores und dem zukünftigen Lieferservice werden wir das Retten von Lebensmitteln mainstream machen und so aus der Nische in die Mitte der Gesellschaft holen.” Ab Oktober soll es auch einen Lieferservice in Berlin geben. Namhafte Partner, wie Liefery, METRO oder auch die BSR sind mit an Bord und unterstützen das Projekt finanziell oder logistisch. Für Herbst 2018 ist sogar schon die Eröffnung eines weiteren Sirplus-Stores in Berlin geplant.

Wilmersdorfer Straße 59, 10627 Berlin. Die regulären Öffnungszeiten sind: Mo-Sa von 7.30 Uhr bis 20 Uhr.

Geschrieben von Hasan am Sa, 09.09.2017

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